Institut zur Förderung der intuitiven Musik und schamanischen Klangheilkunde

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VonHans-Peter Dibke

Obertöne – Die Melodie in einem Ton von Michael Reimann

DIE MUSIK DES BEWUSSTSEINS

Im Grunde unseres Herzens haben wir alle den Wunsch, uns musikalisch auszudrücken. Denken sie an Ihre Kindheit oder die ersten Schuljahre zurück, und Sie können sich bestimmt an ein ungehemmtes, fröhliches Kind erinnern.
Warum haben wir heute, als Erwachsene, eine solche Angst vor dem Singen? In anderen Kulturen gehört das Singen und Tanzen bei jeder passenden Gelegenheit praktisch zum Alltag. Wir lassen spielen; indem wir das Radio oder den Fernseher einschalten.

Die Musik ist die Verbindung von Himmel und Erde. Anders formuliert: Eine Brücke zwischen Materie und Feinstofflichem. Sie kann den Menschen in die Geistigkeit bringen. Das, was die Kirche seit ewigen Zeiten mit mehr oder weniger Erfolg versucht: Durch Predigt und Gottesdienst den Menschen anzusprechen, ihm klar zu machen, woher er kommt und wohin er geht. Den Sinn unseres Lebens – wenn es denn einen gibt – zu vermitteln. Logischerweise ist dieser Versuch durch intellektuelle Maßnahmen zum Scheitern verurteilt. Die geistige Dimension unserer Existenz ist nicht mit Worten zu formulieren und zu verstehen. Daher wird auch von dem Namenlosen, dem Numinosen gesprochen, wenn es um das Göttliche geht.

Und doch gibt es ein Medium, bei dessen Berührung uns sofort intuitiv klar wird, was mit diesem „Unaussprechlichen“ gemeint sein könnte: Die Musik. Eine nicht begreifbare Schwingungsebene, die auf materieller wie emotional-geistiger Ebene auf uns wirkt. Seit Urzeiten ist sie als Unterhaltung, Heilritual, Therapie und gruppendynamischer Festivität existent. Ohne sie könnten wir uns das Leben schlecht vorstellen. Mit den Worten Nietzsches: „Ohne die Musik wäre das Leben ein Irrtum“.

KLANG-MEDITATIONEN

Ich habe einmal versucht zu indischer Musik zu meditieren. Es war eine wichtige Erfahrung; nämlich die, dass ich es nicht konnte. Auch wenn diese Musik keine großen analytischen Gedanken zulässt, so ist sie doch so, dass man seine ganze Aufmerksamkeit braucht, um ihr zu folgen. Dieser freudvolle  Musik-Hör-Genuss steht dem meditativen Seins-Erlebnis im Wege. Das versenken in Atem, Körper und Geist ist bei dieser musikalischen Intensität kaum möglich. Außer Frage steht, dass die „klassische“ indische Musik eine der spirituellsten dieser Welt ist.

Es gibt jedoch Möglichkeiten, mit Klängen in meditative Zustände zu gelangen. Das archaischste und meist praktizierteste Beispiel wäre das schamanische Ritual mit Trommel, Rassel oder Schellen. Als Beispiel aus unserer jüngeren meditativen Praxis möchte ich die Klangschale anführen. Als Anfang- und Endsignal bei Meditationen in einer Gruppe sehr hilfreich, kann sie mit ihrem lang anhaltenden von den Sitzenden mit in die Stille nehmen. Das Prinzip des diminuendo – leiser werden -, das bei jedem Auslösen (Anschlagen) eines Klangs wirksam ist, machen wir uns zunutze, indem wir quasi auf dem verklingenden Ton mit unserer Aufmerksamkeit in die Stille gehen.

Das Monochord ist eines der schönsten und effektivsten Instrumente mit dem wir in die Dimension des Klanges eintauchen können. Alle Saiten werden auf eine einzige Frequenz, auf einen einzigen Ton gestimmt. Dies muss mit größter Sorgfalt geschehen. Je exakter die Saiten übereinstimmen, desto schöner wird der Klang sein.
Mit beiden Mittelfingern streichen wir nun in unterschiedlicher Stärke abwechselnd über die Saiten. So, dass kein Neuansatz zu hören ist und ein unendlicher Klang wahrnehmbar ist. Je nach Anschlagsstärke und Ort erhören wir zusätzlich zum Grundton der ganzen Saite ihre verborgenen Bestandteile: Die Obertöne oder Naturtöne, die mit der Unendlichkeit verbinden.

Die Tambura ist das indische Pendant zum europäischen Monochord. Als Begleitinstrument eines jeden Ensembles hält es den Grundton für die Musiker während des ganzen Stückes bereit, so dass sie sich jederzeit daran orientieren können. Ein sehr intensives Hörerlebnis bekommen wir, indem wir unser rechtes Ohr während des Spiels an den langen Hals der Tambura legen. Die vier schwingenden Saiten – meist in der Reihenfolge Grundton, zwei Oktavsaiten und die Quinte (C-c-c-g) – geben uns ein überaus obertonreiches Klangspektrum, da sie die ersten drei Töne der Obertonreihe sind, so dass wir in diesem offenen „Sound“ zeitlos versinken können.

Nicht vergessen sollten wir als Meditations-Instrument das Didgeridoo der Aborigines, einem von Termiten ausgefressenen Eukalyptusstamm. Obwohl es erst mit den urigen Sounds von Stimme, Zungen- und Lippenperkussion erst seinen typischen Klang bekommt, kann es ohne diese Effekte eine unterbewusste Ebene in uns ansprechen. Dr. Wolfgang Strobel in Würzburg benutzt es z.B. in seiner therapeutischen Praxis.

WASSER-MUSIK

Die bekannte Schallgeschwindigkeit in der Luft beträgt 330 Meter pro Sekunde. Im Element Wasser bewegt sich der Klang, dank der besseren Leitfähigkeit, mit der erstaunlichen Geschwindigkeit von über 1407 Metern pro Sekunde fort. Jetzt können wir in etwa begreifen, warum sich Wale und Delphine in den Ozeanen über weite Distanzen verständigen können.

Einen erstaunlichen Effekt von Schwingungswirkung erhält man bei folgendem Experiment: Man füllt eine Klangschale beliebiger Größe mit Wasser. Schlägt man nun mit einem weichen Schlegel mit steigender Intensität gegen den oberen Rand, so reagiert das bisher stillstehende Wasser mit kleinen sprudelartigen Tröpfchen, die in Kreuzform explosionsartig hoch in die Luft springen.

Eine neuentwickelte Licht-Wasser-Klang-Erfahrung stammt von Miky Remann:

LIQUID SOUND

Diese außergewöhnliche Idee ist eine originäre Entwicklung, welche die heilende Wirkung von Wasser mit ästhetischen Licht- und Klangkompositionen verbindet.

Spezielle Unterwasserlautsprecher, Verstärker, farbiges Licht, basierend auf Glasfaser-Technologie, Mind-Machine-gesteuerte Strobelights und ein Mischpult ermöglichen es, Musik unter Wasser zu hören: in Musik zu baden. Die Töne sind leiser und subtiler, tiefe Töne werden weitgehend gefiltert, hohe bevorzugt. (Esotera Sept/94)

DER OBERTONGESANG

Gott schläft im Stein,
atmet in der Pflanze,
träumt im Tier,
und erwacht im Menschen.

Ich möchte den Obertongesang als eine Verbindung und Verschmelzung von Musik und Meditation bezeichnen. Über einem lang ausgehaltenen Grundton wird das Obertonspektrum hörbar. Nicht beeinflussbar in seiner Gestalt. Über-sinnlich schön. Hohe Töne, schnelle Schwingungen, Bestandteile des einen Tones werden bewusst – über die gewohnten Hörgewohnheiten hinaus. Der Weg der Obertöne weist uns nicht nur zu unserer inneren Stimme.

Er führt uns zu einem kosmisch-universalen Prinzip: Die Ordnung in dem Naturgesetz der Schwingung.

WAS SIND OBERTÖNE ?

Das Farb-Spektrum des Lichtes lernen wir alle in der Schule kennen. Wie aber steht es mit dem des Klangs? Ist er weniger interessant, oder wird er nicht so wichtig genommen? Die Elemente der Chemie mit ihren Formeln müssen wir lernen.

Warum lernen wir nichts über die Elemente des Klanges?
Ein Klang, ein Ton ist die Summe unendlich vieler einzelner Töne: eben der Obertöne.

So wie wir das Licht durch ein Prisma schicken, um erst dadurch die Farben in ihm zu entdecken, so können wir auf vielen Wegen die einzelnen Farben der Musik hörbar machen.

Diese Klangfarben werden durch unterschiedliche Dominanz einzelner Obertöne bestimmt: den Formanten oder sogenannten Resonanzfrequenzen. Durch diese Klangfarben unterscheiden wir die Klänge unserer Umwelt. Z.B. ein Celloton von einer Kreissäge. Der erstere ist konsonante, d.h. gleichmäßige Schwingung, der andere dissonant, d.h. ungleichmäßige Schwingung.

Obertöne, wirken als ein Naturgesetz der Schwingung in und um uns. Sie sind tönender Ausdruck der Materie (Schöpfung).

DIE ENTDECKUNG DER OBERTÖNE

Unsere Sprache oder Singstimme hat zwei Ausdehnungsrichtungen: Nach Außen und nach innen. Wenn wir sprechen oder singen hören wir selbst nicht nur das, was unser Gegenüber hört, sondern auch die inneren Schwingungen, die unsere Stimmbänder verursachen. D.h. der Mensch, der uns gerade zuhört, hört nur die Frequenzen, die aus uns herauskommen. Und so nimmt auch das Tonband unsere Stimme auf. Den Anteil der „inneren Stimme“ können wir hören, indem wir uns beim Sprechen oder Singen die Ohren zuhalten. Wir werden erstaunt feststellen, wie groß dieser Anteil ist.

Obwohl die Menschheit schon sehr früh mit Saiten- und Blasinstrumenten umging, entwickelte sich doch das Bewusstsein für differenzierte Klänge erst später. Die Musik bei den Griechen kam von den Göttern und deren musikalischen Botschaftern: den Musen. Sprache und Musik war bei ihnen eine Einheit. In den Grabkammern der Ägypter sind auf Wandmalereien Musiker zu entdecken, und nahe liegt der Schluss, dass Pythagoras, der längere Zeit zu Studien in Ägypten weilte, hier mathematische und mystische Einweihungen erfuhr.

So betrieb Pythagoras (ca. 582-507 v. Ich.) mit seiner Schule Forschungen, um die harmonischen Proportionen aller Existenz zu ergründen. Die Pythagoreer waren davon überzeugt, dass die Entfernungen der Himmelskörper zueinander und ihrer Geschwindigkeiten harmonischer Natur sind, und somit – in Zahlen ausgedrückt – den gleichen wohltönenden, also harmonischen, schönen Intervallverhältnissen entsprechen, wie sie auf Erden als Musik erklingen [Alfred Lehner „Von der Allgegenwart der Musen” (Quelle unbekannt)].

Den Beweis dieser Vermutungen erbrachte erst der Astronom Johannes Keppler (1571-1630) auf mathematischer Grundlage.

Durch die globale Vernetzung kam der Obertongesang – der seine kulturelle Wiege in Vorderasien bei den mongolischen Völkern hat – nach Europa und Amerika, wo ihm bis heute reges Interesse entgegen gebracht wird. Seine bekanntesten Vertreter sind Michael Vetter, David Hykes, Jonathan Goldman, Christian Bollmann, und viele andere.

Eine der wenigen aktiven weiblichen Obertonsängerinnen ist Claudia Matussek aus München.

AUFBAU DER OBERTONREIHE

Lassen wir eine Saite in ihrer Ganzheit schwingen, so hören wir einen ganz bestimmten Ton. Sie können es gut mit einer Gitarre, mit einem Cello, einer Harfe oder einem Flügel ausprobieren. Berühren wir jetzt die Saite beim Anzapfen mit einem Finger genau in ihrer Mitte, so hören wir den ersten Oberton. Unsere Saite bewegt sich in zwei gleichen Teilen, sie wurde halbiert. Unsere Augen wären dazu nicht in der Lage gewesen. Nur unsere Ohren sagen uns ganz genau, wo die Mitte zu finden ist. An diesem Punkt, und nur an dieser Stelle, hören wir die Mitte. Und zwar den Oktavton.

Aus der Teilung der einen Saite in zwei Teile, erhalten wir den Wert 1:2. Aus einer großen Schwingung werden zwei kleine. Der Grundton wird demnach auch zum ersten Oberton.

Das Erstaunliche ist, dass sich diese Schwingungen in derselben Art und Weise auch in der schwingenden Luftsäule eines Blasinstrumentes, durch stärkeres Anblasen erzeugen lassen. Sie ordnen sich der sprunghaften Struktur der Naturtongesetzlichkeit unter.

Wir gehen also von einem Grundton aus. Wie der Name schon sagt, ist dies der Gesamt-Klang, den wir hören und der das Fundament und das Obertongebäude selbst, eben alles was an Klang im Moment da ist, darstellt und beinhaltet. Man könnte ihn auch als klingenden Maßstab bezeichnen, in dem die unterschiedlichsten Verhältnisse vorhanden sind. Der Grundton ist die Summe, die Obertöne seine Faktoren, die dessen Klangfarbe ergeben.

Schauen wir uns an, in welcher Schwingungsebene sich die Obertöne der menschlichen Stimme befinden, so werden wir entdecken, dass diese Töne – je nach gesungenem Grundton – in die dritte und vierte Oktave reichen. Das sind die obersten Töne auf dem Klavier.

Wenn wir dies in physikalisch-messbare Schwingungen errechnen, kommen wir bei einem Grundton eines kleinen d mit 146 Hz (Schwingungen pro Sekunde) auf 2349 Hz!

Das sind neun Halbtöne höher, als der höchste Ton unserer klassischen Stimmliteratur: nämlich das dreigestrichene f der Königin der Nacht (Koloratursopran) aus Mozarts Zauberflöte.

Schwer nachvollziehbar: Dieses Phänomen soll sich in meiner Stimme befinden?

Machen Sie sich einfach auf den Weg in diese Stimmerfahrung und Ihnen wird es „wie Schuppen von den Ohren fallen“. Also jetzt schnell weg von den theoretischen Fakten, möchte ich Sie mit praktischen Übungen auf diese Entdeckungsreise in Ihre Stimme einladen.

DIE PRAXIS DES OBERTONGESANGS

DIE RESONANZ UNSERER STIMME

Ein wesentlicher Faktor, ich würde sie als Basis oder Fundament bezeichnen, beim Sprechen oder Singen ist die fühlbare Schwingung in unserem Körper: Die Resonanz.

Ausgelöst durch die feine Bewegung unserer Stimmbänder. Spürbar beim leisesten Summen in unseren Lippen.

Neben den Vokalen: a e i o u, sind es die sogenannten Klinger: m – n – ng – s – r – w – l – j, die uns innerlich in Schwingung versetzen.

  • m – Gesichtsvibration (Maskensitz), Schwingung im ganzen Kopf, besonders Schädeldecke, vibrierende Wirkung im oberen Brustbereich bis zu den untersten Rippenbögen
  • n – Klinger der Mitte, oberer Gaumen, Nase, Zungenspitze am vorderen Gaumen
  • ng – Klinger des Nackens, in den Körper strahlend, Klangstrom, verbindend, hintere Zunge am Gaumenbogen

Sie versetzen unser Innerstes in Bewegung und bewirken eine Massage unseres gesamten Körpers. In den Mantren (heilige Ur-laute) und Mudras (Handgesten) der asiatischen Kulturen lebt heute noch eine machtvolle Tradition der Selbsterfahrung, die unsere christliche Tradition leider vernachlässigte.

Eine Sonderstellung nimmt das „NG“ ein. Eigenartig, dass es auch in unserem Wort „Klang“ vorkommt. Diese klingende Silbe bildet den Klangstrom beim Singen und schafft die Grundlage, sozusagen den Klangteppich, auf dem die Obertöne ausgebreitet werden können.

Die schwedische Sängerin Valborg Werbeck-Svärdström berichtet in ihrem Buch „Die Schule der Stimmenthüllung“ über ihre Heilung von einer Art  Stimmbandlähmung mit der Silbe „NG“. Da sie nicht mehr singen konnte, begann sie im Sprechen den Klang durch die Nase zu leiten. Durch den Verlust ihrer Stimme kam sie in die Situation des Nachspürens, um wieder neu den Weg ihrer Stimme zu entdecken. Wach zu beobachten, fühlen und zu lauschen, wo dieser Laut „NG“ sie hinführt. Sie entdeckte dann einen Schwingungspunkt hinter der Nase, der sich erweiternd, gleich einem Klangstrom im ganzen Kopfbereich ausbreiten konnte.

Dieses „NG“ bildet mit dem „J“ den schwingenden Ausgangspunkt für unseren weiteren Weg des Obertongesangs!

Übung zur Resonanz-Verstärkung

Schließen Sie Ihre Augen. Ihre Schultern sind total entspannt. Während Sie ein „w“ langsam ertönen lassen, konzentrieren Sie sich auf die Fingerspitzen beider Hände. Der ausströmende Atem verliert dabei nicht an Stärke. Die obere Zahnreihe liegt dabei auf der Unterlippe. Spüren Sie der Resonanz nach. Lassen Sie sie in Ihren Körper hineinfallen.

Heben Sie dann, bei völlig entspannten Schultern, Ihre Arme seitlich in eine waagerechte Position. Die Handflächen zeigen nach vorn, die Finger sind geschlossen. Dehnen Sie bei jedem verstärkten W-Ausatem die Arme nach hinten. Strecken und dehnen Sie Ihre Arme bis zu den Fingerspitzen. Spüren Sie der entstehenden Resonanz nach. Das Gleiche tun Sie mit gedehnten Armen über dem Kopf mit der Silbe „whu“.

VOKALWEGE – OBERTONWEGE

Eine interessante Oberton-Studie ergibt sich aus der Veränderung von einem Vokal oder Umlaut in den anderen. Sie ist eine Basis-Übung zur Schulung der Aufmerksamkeit für die eigene Stimmfarbe.

Die folgende Übung dürfte auch für die „klassische“ Gesangsausbildung von Nutzen sein. Sie fördert und fordert nämlich eine Klarheit in der Formung der Laute. Mit einer zuhörenden Person (oder anschließender Tonbandkontrolle) am effektivsten durchgeführt, ist sie doch bei sehr guter Konzentration und Aufmerksamkeit auch alleine zu schaffen.

Dies sind alle möglichen Verbindungen von Vokalen und Umlauten der deutschen Sprache. Das „oa“ ist ein Laut, der in morgen oder Sorge geformt wird. Ein helleres „O“.

Tönen Sie diese Verbindungen vorwärts und rückwärts!

Bei zusätzlicher Formung der Lippen und Zungenränder ertönen verstärkt die Obertöne und ihre Anwesenheit wird „ohrenscheinlich“. Eine Beschreibung, wie die Wege der Lippen- Zungen- und Unterkieferbewegungen zustande kommen, unterstützt den Prozess und verschafft Klarheit.

ZUNGENOBERTÖNE

Die stärksten Obertöne hören wir, wenn wir mit starker Stimmresonanz die Umlaute singen. In der Vokalübung kommen sie schon vor. Doch allein das „Singen“ reicht nicht, um einen deutlichen Oberton zu erzeugen. Es ist ein Zusammenspiel von Lippenspannung, Zungenstellung, Atemintensität und Körperresonanz. Die gesungenen Buchstaben sind nur ein Hilfsmittel, das dieses Zusammenspiel annähernd beschreibt.

Ein Garant für starke Obertöne ist Ihre Zunge. Singen Sie ein ö oder ü und spüren, wo Ihre Zunge wie liegt. Dann verstärken Sie den Druck der Zungenränder gegen Ihren Gaumen. So, als wenn sie das ö oder ü in Richtung J verändern würden. Dabei müssten Sie eine Obertonverstärkung wahrnehmen können.

Wenn Sie die Seiten bearbeitet haben versuchen Sie Ihre Zunge nach vorn oder hinten zu verschieben. Aber Vorsicht: Es sind Mikrobewegungen. Wundern Sie sich nicht, wenn Sie durch den Obertonwald rennen, und keine Obertöne hören. Sie sollten ab und zu einmal stehen bleiben, um die Obertonblume am Wegesrand entdecken zu können.

TIPS FÜR GUTE OBERTÖNE

  • Nehmen Sie sich genug Zeit, auf einzelnen Obertönen stehen zu bleiben und sie „auszuhalten“. Versuchen Sie die Liebe zum einen Ton zu entwickeln.
  • Fühlen Sie verstärkt die Schwingungen in Ihrem Kopf- und Brustbereich. Die treibende Kraft ist der Atem. Lassen Sie ihn am Obertongeschehen teilhaben.
  • Versuchen Sie sich mehr auf den Oberton, als auf den Grundton zu konzentrieren.
  • Wenn Sie kaum eigene Obertöne hören können, bilden Sie mit Ihren Händen eine Verbindung zu einem Ohr, indem Sie eine Handinnenfläche vor den Mund halten und die andere ans Ohr.
  • Haben Sie Geduld. Alles braucht seine Zeit.

OBERTONGESANG UND THERAPIE

Aus dem Ansatz heraus, seinen Klienten möglichst viele Bewusstseins- und Seinsebenen zu erschließen, bindet der Bremer Psychotherapeut Dr. Bernhard Mack das Hören und Singen von Obertönen in seine integrative Psychotherapie mit ein.

Bewusstheit, als zentrales Heilungsmedium verstanden, gipfelt hier, durch den Kontakt mit einem harmonikalen Aspekt der Schwingung, nämlich Schönheit, Struktur, Prägnanz, in dem Erleben „Ich bin selbst Schwingung“ (Dr. B. Mack, Sendung RB 1990 Im Klang der 1000 Buddhas von R. Schimmelpfeng).

Die Pulsation – ein Zentralbegriff der integrativen Psychotherapie – als Basis von Sein, führt in die eigene Körperlichkeit; zu einer tieferen Erkenntnis des eigenen Seins  und zu mehr Lebendigkeit.

Da in der Therapie meistens die dunklen Seiten, wie Schmerz, Trauer und Wut be- und verarbeitet werden sollen, besteht die Gefahr, in diesen Bereichen stecken zu bleiben.

Und so bilden Obertonklänge den Ausgleich und beleuchten die andere Seite des Lebens durch ihre beruhigende, entspannende und konzentrative Wirkung. Ihre Resonanz in uns lässt uns ahnen: Das Wesen von Existenz ist Schwingung.

Pi Vilayat Khan, das spirituelle Oberhaupt der Sufis im Westen, antwortete auf die Frage nach der Verbindung von Obertönen und Chakren (Nervenzentren unseres Körpers): “Ich glaube, es gibt sie. Aber die wahre Heilkraft des Klangs liegt meines Erachtens in den Obertönen.“ (Heilende Klänge, S. 14, a.a.O.).

Die Wirkungen des Obertongesanges beschreibt der Amerikaner Jonathan Goldman in seinem Buch „Heilende Klänge“: “Obertöne singen heißt: seiner eigenen Stimme zuzuhören. Auf die eigene Stimme hören. Auf die „Innere Stimme“ hören.
Mehr noch: auf ein Gefühl achten, dessen man gewahr wird, das sagt: so ist es! Als Brücke zum Geistigen finden wir durch sie zur inneren Harmonie und zu einer größeren Bewusstheit. Naturgesetze zu er-leben heißt: sich selbst mit der Welt in Einklang bringen.“

“Robert Thurman, Professor für indo-tibetische Studien an der Universität von Columbia, schreibt: Die tibetanischen Mönche glauben, dass sie den Ton nicht „machen.“ Vielmehr werden sie zu einem Vermittler, durch den der heilige Ton sich manifestieren kann. Dies ist ein grundlegendes Prinzip des tibetischen Buddhismus. Die singenden Gyuto- und Gyume-Mönche verkörpern dieses Klangverständnis, und ihr eindrucksvolles multiphones Singen veranschaulicht es. Die von ihnen erzeugten Obertöne sind das Ergebnis ihrer Einswerdung mit dem heiligen Klang.

Das Eins werden mit dem Klang ist ein Schlüssel für Klangmeditationen. Dadurch können die tibetischen Mönche ihre „Melodie des einzelnen Tons“ hervorbringen. Der Klang wird nicht als physikalisches Phänomen betrachtet, das durch die Stimmbänder erzeugt wird, sondern als lebendige Energie, die sich durch die Menschen manifestieren kann, die sich auf sie einstimmen. Das Eins werden mit dem Klang hat mit der Vorstellungskraft und völligem Loslassen zu tun; wir müssen vertrauen. Wenn wir versuchen, den Klang zu kontrollieren, werden wir nie zu ihm werden.” (Heilende Klänge – Die Macht der Obertöne, S.101, a.a.O.)

Jede Musik, die ein Mensch zum Ausdruck bringt – sei er Laie oder Profi – ist ein göttlicher Ausdruck seiner schöpferisch-kreativen Möglichkeiten.

HEILUNG DURCH MUSIK

„Musik ist die Medizin der Zukunft.“ Edgar Cayce

Die heilsame Wirkung der Musik auf den musizierenden Menschen selbst, zeigt sich nicht nur offensichtlich jedem, der einen solchen beobachtet. Kinder und Erwachsene, die frei improvisierend ohne Noten spielen, weisen einen verklärten und ruhigen Gesichtsausdruck auf, als wenn sie sich in einer anderen Welt befänden. Und dies kann ich nur bestätigen. Es ist die innere Welt der Phantasie, des Fühlens und des Glücks. Abgesehen von der geistigen Konzentration, macht sich das „Spiel“ quasi selbständig und man hört zu, wie „ES“ spielt. Die Töne werden gewissermaßen unbewusst von einer inneren Instanz aneinander-gereiht. Meine Kontrolle steht während dessen nicht im Vordergrund, und damit auch nicht im Wege.

Einen Beweis bekam ich in die Hände, als ich meine Gehirnströme beim Musizieren aufzeichnen ließ. Ich wusste, dass ich mich tief in diesen Prozess versenken konnte, aber dieses Ergebnis hatte mich doch überrascht: Meine Hirnhälften zeigten Theta-und Deltawellen auf, die sonst nur im Tiefschlaf oder Trance nachzuweisen sind. Die Aktivität beider Hirnhälften war ausgeglichen und fast identisch.

Musik zu realisieren ist auch Liebe und Gemeinschaft; wir üben miteinander zu wirken und aufeinander zu hören. Deshalb ist es auch so wichtig, sie zu kultivieren. Sie hat große Auswirkungen für unsere Gesellschaft. Musizierende Menschen sind friedvolle Menschen. Das meditative Schwingungserleben in uns ist ein kraftvolles und heilendes Energiepotential. Ein Naturphänomen, in dem die Dimensionen des Klanges als Verbindung von Körper und Geist, offenbar werden. Die Vibrationen des Instrumentes oder durch die eigene Stimme werden im ganzen Körper des Spielenden reflektiert, und haben harmonisierende und somit heilsame Wirkung.

TRANSFORMATION

Der Mensch strebt zur Harmonie und Ausgeglichenheit. In den Zustand, in dem sich die Natur, auch wenn es manchmal nicht den Anschein hat, schon immer befunden hat. Wenn eine Gruppe einen chaotischen Klang produziert, also jeder singt einen anderen Ton, dann klingt dieses „Chaos“ ganz erstaunlich, in gewisser Weise einmalig und wunderbar. Er symbolisiert das Individuelle in der Gruppe. Nach einiger Zeit wird man eine Angleichung bemerken, die in einem Ton oder in einer Harmonie, entweder in Dur oder Moll münden wird. Ein Phänomen, das wie von selbst geschieht.

Warum machen wir eigentlich Musik? Welchen Zweck verfolgen wir? Wir tun doch nur immer etwas, wovon wir wissen, dass wir einen ganz bestimmten Nutzen aus dieser Tätigkeit ziehen werden. Wie steht es denn dann mit unserer musikalischen Betätigung?

Wir möchten immer alles interpretieren und allem eine Bedeutung beimessen. Was uns sehr schwer fällt, ist das Annehmen des reinen Seins. Ohne etwas in eine Kategorie einzuordnen. Es einfach sein zu lassen.

Immanuel Kant, der Deutsche Philosoph des 18. Jahrhunderts, soll gesagt haben: „Es gibt zwei Dinge, die nichts zu bedeuten brauchen: Die Musik und das Lachen“.

Um auf das musikalische Ritual zurückzukommen, möchte ich hier nur die Entwicklung der Techno-Szene erwähnen. „Musik“, das viel zu Laute, auf Metrum, Rhythmus und schnelle synthetische Tonfolgen reduzierte Erlebnis. Eine für viele Menschen unverständliche und nicht nachvollziehbare Erscheinung, die schlimmer scheint, als die Discobesuche der vorigen Generation. Die verheerenden Spätfolgen sind irreparabel Schwerhörigkeit, vor der die Ohrenärzte immer wieder warnen. Aber was suchen denn die meist jüngeren Menschen, oder besser gesagt: Was finden sie in dieser meist vielstündigen, lauten, monotonen und extatischen Musik- und Tanzbewegung?

Sie finden das, was ihnen die Eltern, die Gesellschaft oder ihre Religion nicht mehr bieten kann, weil sie es im Laufe der Zeit verlernt und verdrängt hat: Eine Möglichkeit, zu sich selbst zu finden, durch intensivste Gefühle ihres Körpers und anderen Bewußtseinsebenen. Ein Vergessen des Alltags mit seinen Problemen, durch das Eintauchen in tranceartige Zustände. Die Möglichkeit, sie selbst zu sein. Sie finden möglicherweise die in unserer Gesellschaft vergessene Initiation vom Kind zum Erwachsenen.

Die Berührung zu unserer ureigensten Musikalität, gibt uns ein Gefühl von Glück, Gelassenheit, innere Ruhe und Freiheit. Wir fühlen unser eigenes, großes Kraftpotential durch die Musik. Musik, als Verbindung und Brücke zwischen Materie und Geist, macht uns das HOLOGRAMM dieser Welt bewusst.

Die Indische Kultur hat es mit den Worten „Nadha Brahma“ ausgedrückt: Die Welt ist Klang.

In diesen Schwingungen, vom kleinsten Elementarteilchen bis zu den Planeten, sind wir mit dem Universum und unserer Welt verbunden.

Und keine anderen Worte drücken treffender aus, was Musik für uns bedeutet, als die, von Richard Wagner: „Ich kann den Geist der Musik nicht anders fassen als in Liebe.“

DIE SPIRITUELLE ERKENNTNIS

„Ich bin geneigt zu glauben, dass das Universum mehr ist als das, was im menschliches Bewusstsein existiert“ Michael Harner

Leben bedeutet, einer spirituellen Dynamik unterworfen zu sein. Mit dem chinesischen Ausdruck des „WU WEI“ , das empfiehlt, „dem Fluss des Lebens“ zu folgen, und nicht einen Staudamm nach dem anderen zu errichten, können wir versuchen, unseren Kontakt mit dieser undefinierbaren universellen Energie zu stabilisieren. Die Beschäftigung mit den schönen Künsten trägt hierzu bei. Die Klänge, Schwingungen und Töne sind die Vermittler zwischen den geistigen und materiellen Welten, zwischen denen wir so hin und her geworfen sind. In der Begegnung mit dem Musikalischen können wir eine Seins-Erfahrung erleben, die den Glauben als eine persönliche Erfahrung fundamentieren kann.

Das Bild eines Sees ist ein schönes Gleichnis für unsere Situation. Wenn der Wind die Seeoberfläche mehr oder weniger bewegt, so spiegeln sich der Himmel und die Wolken in vielen Schattierungen. Glätten sich jedoch die Wellen und es wird still, so wird der Blick in die Tiefe frei: Wir erkennen unter der Oberfläche den Raum in dem sich das Wasser befindet. Je ruhiger das Wasser ist, desto tiefer können wir schauen und erkennen sogar den Grund.

Rosina Sonnenschmidt und Harald Knauss gehen auf dieses Thema in ihrem sehr empfehlenswerten Buch „Musik-Kinesiologie“ ein und schreiben:
„Der Begriff „Spiritualität“ löst bei den meisten Musikern Naserümpfen aus, weil er mit Esoterik gleichgesetzt wird. Dabei bedeutet dieses Wort einfach nur Geistigkeit, eine immaterielle Kraft, die die Materie weit überflügelt. Nach unseren bisherigen Erfahrungen resultieren die meisten Probleme aus dem Fehlen jeglicher Spiritualität in der Haltung des modernen Künstlers. Er ist perfekt und weiß gleichzeitig nicht, welchen tieferen Sinn die Perfektion haben soll. Die innere Ausrichtung auf ein höheres, geistiges Ziel wird mit einem Haften an religiösen Dogmen, Glaubensmustern und Ritualen verwechselt, deshalb abgelehnt und durch nach außen gerichtete Wertvorstellungen von Erfolg, Leistung, Perfektion kompensiert.

Die Erklärung warum dies zu tiefgreifenden Problemen führt, ist einfach: Die spirituelle Kraft ist eine natürliche Energie, die jedem Menschen eigen ist, folglich verlangt sie nach Nahrung, um wirken zu können. Der Künstler geht im schöpferischen Prozess mit feinstofflichen Energien um, ohne es zu merken. Werden diese Energien bewusst wahrgenommen, richtet der Künstler sie auf ein höheres Ziel, das er in die Worte seiner Kultur kleidet. Je inniger er sich der höchsten Universalkraft weiht, desto weniger betrachtet er seine Kunst als Werk seines Egos.

Und dies, vereinfacht ausgedrückt, ist eine spirituelle Ausrichtung. Das Ego tritt in den Hintergrund, der Künstler wird zum Medium, durch das eine höhere Kraft hindurchfließt, und er betrachtet sich als Bote erhabener Energien. Ob er sie nun „Gott“ oder „Wahres Wesen“ oder „Schöpferkraft“ nennt, ist einerlei und, wie gesagt, durch seine Kultursprache bedingt. An der Art und Weise, wie er diese innere Haltung lebt und in seiner Kunst zu verwirklichen trachtet, erkennen wir die Qualität seiner Spiritualität.“ (Musik-Kinesiologie, R. Sonnenschmidt/H. Knauss, VAK Freiburg, 1996)

Die Musik galt immer als eine der Künste, die den Menschen aus der reinen Seinssphäre empor hob, in die geistige Welt. Aufgrund ihrer Substanz, aus der sie besteht:
Nicht greifbar, numinos, unerklärlich faszinierend, beeinflussend im Hören und Fühlen.

Nutzen wir sie also in diesem Sinne nicht nur als Unterhaltung und Vergnügen, sondern seien wir uns bewusst, mit dieser Kunst einen Schatz in uns zu tragen, der entwickelt werden kann, für ein sinnvolles und glückliches Leben.

Mit der Kunst der Musikausübung, als schöpferisches Tun, können wir die Schöpfung an uns selbst vollenden.

Literaturhinweise & Empfehlung:

  • HEILENDE KLÄNGE, Jonathan Goldman, Knaur, München, 1994
  • Musik-Kinesiologie, R. Sonnenschmidt / H. Knauss, VAK Freiburg, 1996
  • DAS DIDGERIDOO, M. Reimann, Buch & MC, Verlag Pamedia Zürich
  • DER KLANGRAUM; M. und B. Reimann, Verlag Pamedia Zürich,
  • TONGA-DRUMMING, Zen – in der Kunst des Trommelns, M. Reimann, ACRON-MUSIC
  • Entdecke die Musik in Dir, M. Reimann, Kösel Verlag, München 1998,
  • Oberton Singen. Mit Lern-CD: Das Geheimnis einer magischen Stimmkunst, Wolfgang Saus, Traumzeit Verlag

Quelle: mit freundlicher Genehmigung vom Michael Reimann

VonHans-Peter Dibke

„Das verlorene Paradies“ – von Michael Reimann

Unsere Sehnsucht zu Musizieren

Unsere musikalischen Rituale bewegen sich heute meist zwischen Musik-Hören per Knopfdruck oder seltenen Konzertbesuchen. Wir konsumieren nicht nur unsere Nahrung aus Konserven sondern auch die Kunst. Unsere Bequemlichkeit und die Werbung lassen uns die unglaubliche Befriedigung des „Selbstgemachten“ vergessen. Das lebendige Tun, und die eigene Kreativität werden den „Begabten“ überlassen. Der Hoch-Leistungszwang unserer Gesellschaft hat uns gründlich den Spaß am musikalischen Erleben verdorben. Den vielen Eindrücken unseres Alltags stehen zu wenig kreative Ausdrucksmöglichkeiten gegenüber.
Durch stimmlichen oder instrumentalen Selbstausdruck komme ich meiner eigenen Schöpfung näher. Die eigene Erfahrung des Musizierens, lässt mich meine Lebendigkeit fühlen, und ist durch nichts zu ersetzen.

Bis heute habe ich die Worte meiner Eltern im Ohr: „Mach bloß nichts mit Musik. Das ist eine brotlose Kunst.“ Erstaunlich, dass sie sich trotz einiger „Umwege“ nun doch als meine Berufung durchgesetzt hat. Über ein Dirigierstudium, einen Lehrauftrag an der Saarbrücker Musikhochschule, pianistischer Tätigkeit an Theater und Waldorfschule sowie Begleitungen beim Bundeswettbewerb Chanson-Song-Musical, versuche ich nun seit elf Jahren in Seminaren und Konzerten „handgemachte“ Musik aus allen Erdteilen unter die Menschen zu bringen. Dabei hat das Trommeln genau den gleichen Stellenwert, wie das Klavierspielen.
Ich kann heute in der Praxis nicht mehr Ernste und Unterhaltungsmusik unterscheiden (so wie es im Abrechnungsmodus der GEMA heute noch geschieht). Jede Musik, die ein Mensch zum Ausdruck bringt – sei er Laie oder Profi – ist ein göttlicher Ausdruck seiner schöpferisch-kreativen Möglichkeiten.

Bei unserer heutigen Technik: Radio, Fernsehen, Tonband, Video, CD-Spieler, Keyboard etc. grenzt es schon an ein Wunder, das einige Leute sich trauen, ohne Strom auf einem Instrument Töne von sich zu geben. Bei den auf uns einstürzenden Medien-Informationen glauben wir, ohne eine 1000 Watt-Anlage nichts Beeindruckendes mehr zustande zu bringen.
Dabei sind es gerade die zarten Töne, die uns am meisten berühren. Und Hand aufs Herz: Glauben Sie, das Sie so etwas Berührendes tun könnten?
Wenn nicht, so möchte ich Ihnen Mut machen, es einmal auszuprobieren. Für sich ganz allein. Summen Sie ein leises M, so, als wenn Sie ein Wiegenlied summen würden. Lassen Sie sich los. Lösen Sie alle Spannungen die Sie noch wahrnehmen, und träumen Sie mit Ihrer Stimme. Lassen Sie die Töne entstehen, die erklingen wollen. Gehen Sie zu dem Punkt, an dem Sie als Kind schon einmal waren: Vorurteilsfrei mit Ihrer Stimme zu spielen.

Genießen Sie diese Freiheit, die Ihnen niemand nehmen kann. Spüren Sie die wohltuenden Vibrationen in Ihrem Innern?
Mit sechs Jahren spielte ich alles auf dem Klavier was mir zu Ohren kam. Aus zwei Gründen.
Erstens: In unserem Wohnzimmer stand eines, und zweitens: Mein Vater spielte Klavier, der sich als (sehr guter) Barpianist in renommierten Hotels sein Brot verdiente. Als kleiner Junge hatte ich das Glück, ohne viele Beurteilungen, was mein Klavierspiel anbelangte,aufzuwachsen. So konnte ich, zum Leidwesen der übrigen Hausbewohner, meinen großen Ideenreichtum musikalisch umsetzen. Ich nahm eines Tages – inspiriert durch einen Cowboyfilm – unser Klavier auseinander, und befestigte Reißnagel an den Filzschlägeln.
Unser altes Klavier klang daraufhin genauso, wie das, was gerade im Saloon des Westerns zu hören war.

Was ist eigentlich das Faszinierende an der Musik? Könnten Sie sich ein Leben ohne Musik vorstellen? Ist Ihnen die Bedeutung der Musik für Ihr Leben bewusst?
Wenn Sie sich durch das Singen oder dem Spiel eines Instrumentes mit den musikalischen Elementen RHYTHMUS (Trommel) – MELODIE (Stimme) – HARMONIE (Zusammenklang) beschäftigen, bekommen Sie den Kontakt zu den Wurzeln unserer Musik und zu sich selbst.

Sie spüren am eigenen Leib, was Schwingung bedeutet, da Sie diese mit Ihrer eigenen Stimme und Ihren Händen in musikalischer Form zum Ausdruck bringen. Haben Sie schon einmal eine Afrikanische Trommel gespielt oder Afrikaner trommelnd, singend und tanzend erlebt? Dann wissen Sie, was ich meine. Die eigene musikalische Betätigung, und noch verstärkt durch eine Gemeinschaft, bringt so viel Freude, Spaß und Lebensenergie, dass es sehr sonderbar ist, warum wir dies so selten tun. Ängste und Vorurteile – eigene, oder die unserer Umgebung – lassen es uns nicht mal versuchen.
Fragen Sie sich bitte, ob Sie einen tiefen Wunsch nach einem Instrument oder Ihrer Stimme haben. – Lassen Sie alle Hemmungen, Vorurteile und Barrieren fallen, die Sie bisher daran gehindert haben und erfüllen Sie sich diesen Wunsch. Die Erfüllung kann Ihr Leben verändern.

Im Grunde unseres Herzens haben wir alle den Wunsch, uns musikalisch auszudrücken.
Denken sie an Ihre Kindheit oder die ersten Schuljahre zurück, und Sie können sich bestimmt an ein ungehemmtes, fröhliches Kind erinnern. Warum haben wir heute, als Erwachsene, eine solche Angst vor dem Singen? In anderen Kulturen gehört das Singen und Tanzen bei jeder passenden Gelegenheit praktisch zum Alltag. Wir lassen spielen; indem wir das Radio oder den Fernseher einschalten.
Und so ist unser „Musik-Verhalten“ ein Spiegel unserer Leistungsgesellschaft. Wir vergleichen uns sehr schnell mit dem, was uns die Medien, per Fernsehen und CD ins Haus liefern. Wir hören technisch perfekte Musikkonserven und verlieren den Mut zur eigenen musikalischen Kreativität.

Wir können sprechen, bevor wir lesen und schreiben gelernt haben. Wir können Singen, bevor wir die Notenschrift beherrschen. Und alle musikalischen Unterweisungen in der westlichen Kultur verlangen von uns genau den umgekehrten Weg zu gehen. Nämlich über den Kopf, also über die Notenschrift Musik zu machen. D.h. zu reproduzieren, was ein anderer Mensch sich ausgedacht hat. Auch wenn dieser – meist ein Komponist eines anderen Jahrhunderts – phantastische Musik geschrieben hat, so ist es nicht der Ausdruck meines eigenen Empfinden, und die fehlerfreie Ausführung verlangt meistens eine lang geübte Technik. Ich glaube jeder von uns hat diese, meist unangenehmen Erfahrungen beim Instrumentalunterricht gemacht.
Es gibt keine falschen Töne, genau so, wie es kein falsches Wetter gibt.

Wer nicht das große Glück hatte, einen Menschen an seiner Seite zu haben, der uns erst einmal auf das Wahrnehmen und Hören, als wichtigste Voraussetzung für das Musizieren, aufmerksam gemacht hat, oder die Laute der Natur – sei es ein Vogel, ein Bachglucksen oder ein Wasserfall, zu entdecken gelehrt hat, musste den beschwerlicheren Weg gehen.
Ich hörte in einer interessanten Sendung über das Hören von einem Franzosen Namens Viktor Knud. Er berichtete, wie er zu seiner Aufnahmebegeisterung von Naturgeräuschen gekommen ist. Und seine Erzählung, sowie das sehr kurz zu hörende Beispiel ließen mir auch keine Ruhe: Es waren die Geräusche eines schlafenden Hasen! So unglaublich es klingt:
Man meint, ein Kind zu hören, was gerade träumt. Ein schlafender Hase gibt Töne von sich, die wir durchaus als emotionale Reaktionen akustischer Art interpretieren können.

Die heilsame Wirkung auf den musizierenden Menschen selbst, zeigt sich nicht nur offensichtlich jedem, der einen solchen beobachtet. Kinder und Erwachsene, die frei improvisierend ohne Noten spielen, weisen einen verklärten und ruhigen Gesichtsausdruck auf, als wenn sie sich in einer anderen Welt befänden. Und dies kann ich nur bestätigen. Es ist die innere Welt der Phantasie und des Glücks.
Abgesehen von der geistigen Konzentration, macht sich das „Spiel“ quasi selbständig und man hört zu, wie „ES“ geschieht. Die Töne werden gewissermaßen unbewusst von einer inneren Instanz aneinander-gereiht. Meine Kontrolle steht während dessen nicht im Vordergrund, und damit auch nicht im Wege.

Einen Beweis bekam ich in die Hände, als ich meine Gehirnströme beim Musizieren aufzeichnen ließ. Ich wusste, dass ich mich tief in diesen Prozess versenken konnte, aber dieses Ergebnis hatte mich doch überrascht: Meine Hirnhälften zeigten Theta- und Deltawellen auf, die sonst nur im Tiefschlaf oder Trance nachzuweisen sind. Die Aktivität beider Hirnhälften war ausgeglichen und fast identisch.

„Musik ist die Medizin der Zukunft.“ Edgar Cayce

Die Musik ist hörbares Abbild des Weltalls. Schon ein kleines Lied ist ein Sinnbild des Daseins. Musik ist auch Liebe und Gemeinschaft; wir üben miteinander zu wirken und aufeinander zu hören. Deshalb ist es auch so wichtig, sie zu kultivieren. Sie hat große Auswirkungen für unsere Gesellschaft. Musizierende Menschen sind friedvolle Menschen.
Das meditative Schwingungserleben in uns ist ein kraftvolles und heilendes Energiepotential.
Ein Naturphänomen, in dem die Dimensionen des Klanges als Verbindung von Körper und Geist, offenbar werden. Die Vibrationen des Instrumentes oder durch die eigene Stimme werden im ganzen Körper des Spielenden reflektiert, und haben harmonisierende und somit heilsame Wirkung.

Improvisation & Transformation

Ich habe mich immer gesträubt, musiktherapeutisch zu arbeiten. Vielleicht aus dem einfachen Grund, keinen Bezug dazu zu haben, und mich durch keine derartige Ausbildung qualifiziert zu haben. Aber ich musste langsam einsehen, dass alles was ich mit Menschen in Kurs – oder Lehrtätigkeit übte, Musiktherapie war. Der Mensch und die Natur streben zur Harmonie. Wenn eine Gruppe einen chaotischen Klang produziert, also jeder singt einen anderen Ton, dann klingt dieses „Chaos“ ganz erstaunlich, in gewisser Weise einmalig und wunderbar. Er symbolisiert das Individuelle in der Gruppe. Nach einiger Zeit wird man eine Angleichung bemerken, die in einem Ton oder in einer Harmonie, entweder in Dur oder Moll münden wird. Ein Phänomen das wie von selbst geschieht.

„Durch das Ohr dringen die Töne in das Innere der Seele.
Sie können durch ihre Gestalten und Zusammenhänge
den Menschen nicht nur bilden und formen, sondern ihn
auch beeinflussen, zum Guten oder zum Bösen.“
Platon, 347 v. Chr.

Warum machen wir eigentlich Musik? Welchen Zweck verfolgen wir? Wir tun doch nur immer etwas, wovon wir wissen, dass wir einen ganz bestimmten Nutzen aus dieser Tätigkeit ziehen werden. Wie steht es denn dann mit unserer musikalischen Betätigung?
Wir möchten immer alles interpretieren und allem eine Bedeutung beimessen. Was uns sehr schwer fällt, ist das Annehmen des reinen Seins. Ohne etwas in eine Kategorie einzuordnen.

Einfach sein zu lassen. Es sein lassen.

Immanuel Kant, der Deutsche Philosoph des 18. Jahrhunderts, soll gesagt haben: „Es gibt zwei Dinge, die nichts zu bedeuten brauchen: Die Musik und das Lachen“.

Um auf das musikalische Ritual zurückzukommen, möchte ich hier nur die Entwicklung der Techno-Szene erwähnen. „Musik“, das viel zu Laute, auf Metrum, Rhythmus und schnelle synthetische Tonfolgen reduzierte Erlebnis. Eine für viele Menschen unverständliche und nicht nachvollziehbare Erscheinung, die schlimmer scheint, als die Discobesuche der vorigen Generation. Die verheerenden Spätfolgen sind irreparable Schwerhörigkeit, vor der die Ohrenärzte immer wieder warnen. Aber was suchen denn die meist jüngeren Menschen, oder besser gesagt: Was finden sie in dieser meist vielstündigen, lauten, monotonen und extatischen Musik- und Tanzbewegung?

Sie finden das, was ihnen die Eltern, die Gesellschaft oder ihre Religion nicht mehr bieten kann, weil sie es im Laufe der Zeit verlernt und verdrängt hat: Eine Möglichkeit, zu sich selbst zu finden, durch intensivste Gefühle ihres Körpers und anderen Bewußtseinsebenen. Ein Vergessen des Alltags mit seinen Problemen, durch das Eintauchen in tranceartige Zustände.

Die Möglichkeit, sie selbst zu sein. Sie finden möglicherweise die in unserer Gesellschaft vergessene Initiation vom Kind zum Erwachsenen, der auch als solcher akzeptiert wird und nicht mehr sein Leben lang als Kind seiner Eltern gesehen und behandelt wird.
Die Berührung zu unserer ureigensten Musikalität, gibt uns ein Gefühl von Glück, Gelassenheit, innere Ruhe und Freiheit. Wir fühlen unser eigenes, großes Kraftpotential durch die Musik. Musik, als Verbindung und Brücke zwischen Materie und Geist, macht uns das HOLOGRAMM dieser Welt bewusst.

Die Indische Kultur hat es mit den Worten „Nadha Brahma“ ausgedrückt: Die Welt ist Klang.

In diesen Schwingungen, vom kleinsten Elementarteilchen bis zu den Planeten, sind wir mit dem Universum und unserer Welt verbunden.

Und keine anderen Worte drücken treffender aus, was Musik für uns bedeutet, als die, von Richard Wagner:
„Ich kann den Geist der Musik nicht anders fassen, als in Liebe.“

Artikel von Michael Reimann für die Zeitschrift „Publik Forum“ vom 17. Juni 1998

Literaturhinweise:
•Das Didgeridoo, M. Reimann, Buch & MC, Verlag Pamedia Zürich, ISBN 3-907073-60-6
•Der Klangraum, M. und B. Reimann, Verlag Pamedia Zürich, ISBN 3-907073-61-4
•Entdecke die Musik in Dir, M. Reimann, Kösel Verlag, München 1998, ISBN 3-466-36508-2
•Trommelschule M. Reimann, Schirner Verlag Darmstadt, ISBN 3897679191
•Das Klangschalenbuch, M. Reimann, Schirner Verlag Darmstadt, ISBN 3897671573

VonHans-Peter Dibke

„Intuition im Alltag und in der Musik“ – ein Vortrag von Markus Stockhausen

Vortrag von Markus Stockhausen am 2.6.2016 beim Kongress „Spiritualität im Alltag“ der Akademie Heiligenfeld in Bad Kissingen

Kurz zu meiner Person: ich bin in erster Linie Musiker, Trompeter, manchmal Komponist, und zur Hälfte meiner Zeit unterwegs mit Konzerten weltweit. Schon früh kam ich durch meinen Vater, den Komponisten Karlheinz Stockhausen, mit der Intuitiven Musik – ein Begriff, den er geprägt hat – in Berührung.

Andererseits gebe ich seit geraumer Zeit viele Seminare zum Thema „Singen und Stille“, „Heilsame Klänge“, „Vom Klang zur Stille“, „Intuitive Musik“ und ich spiele öffentliche „Klangmeditationen“, bei denen das Publikum auch eingeladen wird mitzusingen. Ich habe für mich erkannt, dass es eine ideale Verbindung gibt zwischen Musik und Spiritualität. Musik öffnet einen unmittelbaren Zugang zu unsere Seele und zur Quelle in uns. „Transformation durch Klang“ könnte man den roten Faden meiner Arbeit nennen, und ich möchte Menschen helfen, den Zugang zu ihrer eigenen Kreativität und Intuition zu finden. Das führt mich zum Thema.

In der Musik, und besonders in der intuitiven Musik, wie ich sie seit einiger Zeit hauptsächlich spiele, ist die spontane Eingebung, das unmittelbare Erfassen einer Situation und die Schöpfung der Musik das Essentielle. Einige Dinge sind da Voraussetzung: die Beherrschung des Instruments, damit dem Fluss der Ideen nichts im Wege steht, und ein ruhiger, stiller, klarer Geist; eine gelassene Konzentration und ein absolutes Vertrauen in die Eingebung, die innere Führung, in den Prozess des intuitiven Spiels.

Da hilft die Erfahrung sehr. Eines Tages spürte ich, dass der nächste Schritt für mich sei, ein Solokonzert ganz mit intuitiver Musik zu spielen. Das hatte ich noch nie gemacht. Das war Mitte der neunziger Jahre. Bald wusste ich, dass das geht, dass die Quelle der Ideen unerschöpflich ist und ich mir nie Sorgen machen muss in Verlegenheit zu kommen um den nächsten Ton, die nächste Idee. Einzig muss ich ganz bei mir bleiben, mich nicht ablenken lassen und in ständiger Konzentration bleiben. Die hatte ich bereits Jahre lang geübt in den schwierigen Werken meines Vaters.

So ist der Prozess des intuitiven Spiels – ähnlich dem Komponieren – folgender: Man versucht genügend ausgeruht zu sein und genügend psychische Energie gespeichert zu haben, dann sammelt man sich. Man beginnt mit einer ersten auftauchenden Idee. Ist keine da, wartet man. Ein erster Ton genügt. Daraus ergibt sich ein zweiter, ein dritter, eine Melodie usw. Ein Ton folgt dem nächsten. Spielt man mit anderen zusammen, ergibt sich sofort ein Geflecht von Wechselspielen, und man ist aufs Äußerste gefordert, wach zuzuhören – außen und innen – und alle Impulse zu verarbeiten.

Das eigene Gefühl, die eigene Phantasie, die Eingebung, das Wahrnehmen der anderen Töne, des Raumes, der anwesenden Menschen – alles schwingt ineinander und führt zum nächsten Ton. Viel stärker als bei der Interpretation komponierter Musik ist in der Improvisation oder eben besonders in der Intuitiven Musik der Augenblick alles, alles gestaltet sich im JETZT. Daher bezeichne ich diese neue Art zu musizieren auch manchmal als einen Yoga, der ganz sicherlich zu größerer Bewusstheit und Achtsamkeit führt.

Nun muss man nicht meinen, dass man immer wieder bei Null anfinge, nein. Der gesamte persönliche Erfahrungsschatz steht einem unterbewusst zur Verfügung. Zum Glück. Darüber hinaus auch der kollektive Erfahrungsschatz, der dazu führt, dass man Musik erfinden kann, die man aus sich heraus so nie hätte spielen können. Sie ist eindeutig inspiriert von dem, was andere zuvor erfunden haben. Stichwort ‚morphogenetische Felder‘. Ich habe das im Jazz zuweilen erlebt: in einer gewissen musikalischen Stimmung, im Zusammenspiel mit anderen oft sehr guten Musikern, spielte ich einen Stil, der mir eigentlich garnicht zu eigen ist, den ich aber spüren und sofort umsetzen und ausdrücken konnte.

Alles, was ich gelernt habe, mein musikalischen Wissen und Können, meine Ästhetik, die sich über Jahre geformt hat, mein instrumentales Können – solange ich übe und fit bleibe bzw. mich weiter zu verbessern trachte – all das steht mir nun im Moment des Jetzt zur Verfügung. Auch das Denken spielt eine hilfreiche Rolle, es ist ein Instrument des Erkennens, Wissens und Handelns. Und es existiert der Zugang zu einer übergeordneten Intelligenz, die das Spiel wie mit unsichtbarer Hand führt. Darin liegt ein großes Geheimnis. Als ob höhere Kräfte daran interessiert wären, dass sich bestimmte Situationen, musikalische Zusammenkünfte harmonisch gestalten, mit einer Strahlkraft durchwebt. Wenn der Musiker bereit ist und das auch will. Große Worte, aber irgendwie ist es so.

Wie gestaltet sich nun die Intuition im Alltag ?

Es ist ein Verbundensein mit einem höheren Bewusstsein in uns, einer anderen Perspektive, die sich über die alltäglichen, zeitlich-räumlichen Gegebenheiten erhebt. Wenn wir unsere Antworten und Lösungen ausschließlich aus den äußeren Gegebenheiten, aus alltäglichen Situationen ableiten, werden wir stets nur begrenzte Antworten finden, werden wir das Gewohnte wiederholen. Dies sieht man heute immer wieder sehr deutlich: wie alte, verhärtete Strukturen geradezu zwanghaft wiederholt werden, aus Angst vor dem Neuen. Kollektiv ringen wir um den Fortschritt. Wenn wir uns jedoch lösen von die äußerlichen Bedingtheiten und uns verbinden mit dem unendlichen, zeitlosen Bewusstsein in uns – das wir letztlich sind -, dann gelangen wir zu ganz anderen Einsichten, Schlüssen, Ergebnissen.

Erst im Überschreiten aller Bedingtheiten öffnet sich eine höhere, eine weitere, eine ganz andere Sicht. Sie erlaubt das Einströmen von Wahrnehmungen, von Informationen, die sich aus einer Ganzheit speisen, immer frisch, immer passgenau zu der jeweiligen Situation im Alltag. Das klingt groß, ist aber unspektakulär, und geschieht oft ganz spontan.

Ein Blick auf die Bewusstseinentwicklung der Menschen auf der Erde: wie lange braucht es, ehe wir uns individuell entwickeln; wie kurz ist doch ein Leben! Erst durch unzählige Erfahrungen und wiederkehrende Existenzen entwickelt und differenziert sich unser Empfinden und Denken, ehe es fähig wird komplexe Strukturen zu erfassen und feine Gefühle zu empfinden. Dazu muss eine Reinheit des Herzens und der innersten Absicht kommen, sonst wird man schlussendlich doch fehlgeleitet.

Die größten Denker, Künstler, Wissenschaftler hatten immer eine komplexe, reife Persönlichkeit, die ihnen eine umfassende Intuition ermöglichte, sodass sie Dinge schufen, die für uns alle wegweisend sind. Und auch dann waren sie manchmal nicht gefeit vor falscher oder unvollkommener Wahrnehmung. Menschsein will gelernt sein. Ein einfach strukturierter Geist wird einfache Ideen empfangen und wiedergeben, ein hochdifferenzirter Geist kann ganz andere Zusammenhänge sichtbar machen. Goethe, Johann Sebastian Bach, Einstein und viele andere haben unsere Kultur geprägt. Wie hoch entwickelt müssen die Wesen sein, die ein so fantastisches, komplexes Ökosystem wie unsere Erde geschaffen haben und weiter im Lot halten ?

Die Intuition entspringt einem höheren Bewusstsein, einer geistigen Vertikalität, die sich heraushebt aus der Horizontalität des uns umgebenden kollektiven Bewusstseins. Dieses Bild möchte ich gerne vertiefen. So steht die Horizontalität für das Weltliche, das räumlich-zeitliche Geschehen, die Vertikalität hingegen für das Zeitlose, immer im Jetzt agierende Einströmen der kosmischen Kraft und Intelligenz. Das Kreuz also. Im Körper, oder noch schöner gesagt, im Herzen, begegnen sich diese beiden Dimensionen, die körperlich-materielle, und die geistig-spirituelle. Ein erwachtes Herz lebt und empfindet in der Welt, inspiriert von der überweltlichen Intelligenz. Sie waltet mit unermesslicher Güte und Weisheit in allem. Und wir sind Teil dieser Intelligenz.

Es ist dieselbe Intelligenz, die alles Leben unentwegt in Gang hält und erneuert, die Quelle allen Lebens. Wie werde ich mir dieser anderen, fundamentalen Dimension in mir bewusst ? Wie kann ich für sie durchlässig werden, sie beständig im Alltag erleben, anwenden, erinnern, sodass sie als meine wahre Natur erkannt wird, immer zugänglich, immer präsent? Darauf haben alle spirituellen Wege versucht Antworten zu geben. Letztlich ist es ein individueller Bewusstwerdungsvorgang.

Es geht also um ein Verlagern des Bewusstseins von der ständigen und alleinigen Koppelung an die Außenwelt, zu der auch unsere Gedanken gehören, hin zum immer präsenten, stillen Innenraum. Ein Spagat: innen und aussen gleichermaßen wach zu sein. Erst durch beständige Erinnerung, Übung kann dies gelingen, und dann mehr und mehr als natürlich und eigentlich einfach empfunden werden, weil diese Dimension immer verfügbar ist, immer direkt, spontan, immer richtig.

Ein klarer, stiller Geist führt mich zur Intuition. Wie erlange ich ihn? Indem ich den Geist zur Ruhe bringe, ihn immer wieder reinige von allen Vorstellungen und Anhaftungen, allen Identifikationen. Das muss geübt werden. Dem kollektiven Gedanken- und Emotionssog zu entfliehen und das Eigene wirklich zu spüren ist gar nicht so leicht. Es bedarf einer Vorbereitung und einer inneren Ausrichtung auf das Höhere in uns. Das Mental, also unsere Denkfähigkeit, bedarf einer Weitung, und ebenso sollte unsere Empfindungsfähigkeit immer differenzierter werden. Ein geistiger Schulungsweg, ein integraler Yoga also, der alle Lebensbereiche erfasst und uns vorbereitet, um höhere Schwingungen aufnehmen zu können, ja überhaupt erst spüren zu können.

Meditation, Yoga, Singen – viele Wege stehen uns heute offen. Schon kurze Momente der Stille, des Innehaltens während des Tages, helfen sich innerlich anzuschließen, bis wir eines Tages fortwährend durchlässig, angeschlossen, also bewusst sind. Dann kann die Intuition ganz natürlich von innen her aufleuchten, als klare Eingebung, als greifbar zu Erkennendes.-

Ein stiller Geist ist in Frieden. Wahre Friedensarbeit ist die Transformation der eigenen Natur. Intuition ist ein vertrauensvolles Sich-leiten-lassen vom inneren Weisheitsgeist, frei von fremder Beeinflussung. Dann stehen die kleinen Dinge der alltäglichen Handlungen gleichgefühlt neben den großen, weitreichenden Entscheidungen, die unser Leben in immer neue Bahnen lenken.

Abschließend die Worte eines lieben Lehrers, die sowohl auf den Alltag wie auch die Musik bestens zutreffen: Es genügt den nächsten Schritt zu erkennen und zu handeln. Analog in der intuitiven Musik: den nächsten Ton. Und dann erscheint der folgende. In tiefem Vertrauen lenken wir ein in den Strom einer umfassenden, überweltlichen Intelligenz, die alles weise gestaltet und inspiriert. Der Quelle in mir, in Dir, in Allem.

Beitrag: mit freundlicher Genehmigung von Markus Stockhausen

VonHans-Peter Dibke

„Musik und Liebe“ – ein Vortrag von Markus Stockhausen

Vortrag von Markus Stockhausen beim Heiligenfelder Kongress „Liebe“ in Bad Kissingen am 18.05.2017

Ich begrüße Sie herzlich und freue mich sehr hier wieder zu Ihnen sprechen zu dürfen, mit Ihnen zu singen und zusammen mit Tara Bouman für Sie zu spielen.

Zunächst aber möchte ich Ihnen einige Gedanken zum Thema Musik und Liebe vorstellen.

Mein Motto ist: Durch die Gnade, Freude und Liebe des Höchsten ist alles Leben entstanden.

Liebe ist die verborgene und doch sich in allem offenbarende Urkraft des Absoluten, des Göttlichen, die mit einer unendlichen Weisheit und Kunst alles Leben belebt, ordnet, und immer neue Formen entstehen lässt, aus purer Freude und zur Beglückung für uns alle. Es ist das göttliche Spiel (in sanskrit: lila), sich immer wieder zu verbergen und wieder neu in Erscheinung zu treten.

Hinter der Welt der Erscheinungen liegt die Welt der Möglichkeiten und Energien, der Wirkkräfte. Und je tiefer wir vordringen zur Quelle des Seins, desto mehr nähern wir uns dem Urimpuls der Schöpfung, der Liebe ist und Freude, auch Seligkeit (Ananda) genannt.

Liebe manifestiert sich auf allen Ebenen. Auf der ganz physischen Ebene als Magnetismus, der die Teilchen miteinander in Beziehung treten lässt, als kosmische Harmonie, die die Planeten und alle Gestirne in vollkommener Ordnung hält, und als Anziehung auf menschlicher Ebene. Alle Beziehungen miteinander, auch die der Töne in der Musik, könnte man als verschiedene Grade von Liebe bezeichnen.

Der indische Musiker und Sufimeister Hazrat Inayat Khan sagte: Alles Leben ist Musik, und: Musik ist die Spache der Seele.

Musik hat die Möglichkeit, die mannigfaltigen Formen von Beziehungen und die damit verbundenen Gefühle in sehr schöner und reiner Form auszudrücken. Sie übersteigt das Mental-Konzeptionelle, sie kann tief verborgene Empfindungen hervorrufen, bringt die Seele zum Schwingen, lässt uns zuweilen die Göttliche Liebe und Schönheit fühlen, die Einheit der Schöpfung und uns teilhaben an ihren Wundern.

Wenn wir an Liebe denken, dann haben wir alle sofort eine Vorstellung, eine Erwartung von etwas Schönem, Erfüllendem, Gutem. Unmittelbar verbinden wir uns mit der göttlichen Urenergie. Einige werden vielleicht auch an Enttäuschungen denken, an Leid, dass durch missverstandene Liebe, oder durch nicht gewährte Liebe entstand. Doch im Grunde wissen wir alle: Liebe tut uns gut. Wir sehnen uns nach ihr, wir suchen und brauchen Liebe, immer wieder, und sind glücklich wenn wir sie empfinden dürfen.

Liebe ist immer da. Sie ist ein universeller Raum, den wir jederzeit betreten können – wenn wir bereit sind uns ihr zu öffnen.

Wenn wir Liebe im Herzen tragen, sind wir ein Segen für alle Wesen, nah und fern. Wir können zu einem bewussten Generator von Liebe werden, wie eine strahlende Sonne. Liebe, die von unseren Herzen ausströmt. Weil wir das wollen, weil wir das schön finden, uns danach sehnen und den Kreislauf der Liebe im Universum verstehen: denn je mehr wir geben (auf natürliche Weise, nicht verkrampft), desto mehr fliesst die Liebe zu uns zurück, oft ganz unerwartet von irgendwoher.

Beginnen wir bei der Liebe zu uns selbst. Versuchen wir alle Spannungen in uns zu lösen, zu erlösen. Mit anderen Menschen in der Gegenwart und in der Vergangenheit, mit unserer eigenen Vergangenheit, mit bestimmten Erlebnissen, mit uns selbst, denn am meisten sind wir mit uns selbst im inneren Konflikt. Wenn all diese Spannungen gelöst sind, wenn auch nur für kurze Zeit, dann stellt sich ein natürlicher Frieden ein, eine Lebensfreude, und ja, dann erscheint eine ganz grundlegende Liebe zum Leben, eine Lust zu leben.

Ein zur Liebe passendes Wort ist die „Resonanz“. Da entsteht ein Gleichklang, eine Harmonie zwischen zwei Elementen, und in diesem Gleichklang findet eine Übertragung von Energie statt, die wir als beglückend empfinden.
Resonanz – re-sonare. „Sonare“ heisst klingen, Re steht für das Höchste. Wir finden es in vielen Wörtern. Die Urenergie des Universums klingt in uns, re-soniert in uns.

Ich schaue am Morgen in einen Tautropfen am Grashalm, das Sonnenlicht spiegelt sich in ihm, ein Glücksgefühl steigt in mir auf. Die Resonanz mit dem Geschauten weckt in mir Klarheit, Reinheit, funkelnde Lebensenergie, die in mir ist.
Ein Lächeln, die Berührung eines lieben Menschen – wir sind bewegt, schwingen miteinander.

Immer dann empfinden wir Liebe, wenn ein Resonanzfeld entsteht, der besagte Gleichklang. Liebe zwischen Menschen ist das, Sympathie ist ein Gleichklang. Zwei Menschen finden zueinander, beginnen gleich zu schwingen, weil sie „auf gleicher Wellenlänge“ sind.

Dieses Resonanzfeld ensteht ganz oft durch Musik. Wenn uns eine Musik besonders gut gefällt, wenn wir andächtig lauschen, dann schwingt etwas in uns im gleichen Rhythmus, wir werden berührt und mitgenommen auf eine Reise, die uns verwandelt. Wir sind dann nicht mehr dieselben wie zuvor, sondern der Klang moduliert all unsere Zellen, dringt ein in unser Gemüt, etwas wandelt sich in uns. Eine seelisch-geistige Befruchtung findet statt.

Klang ist eine Manifestation des Unhörbaren, jenseits alles Begrifflichen. Die Musik, der Klang ermöglicht uns einen weiten, freien Raum des Verbundenseins. Das habe ich hier mit einigen von Ihnen im letzten Jahr erleben dürfen.

Worte können hilfreich sein, jedoch sind sie immer auch Begrenzungen. Gerne möchte ich mit Ihnen über das Verstehen hinausgehen und ins Erleben dieses Freiraumes kommen. Wir können gemeinsam tönen, auch mit geschlossenen Augen, und uns einleben in das Phänomen Klang, das uns bis in alle Zellen in Schwingung versetzten kann.

Wir erleben Gemeinsames, ein Verbundensein im Klang, eine Form von Liebe. Keine persönliche Liebe, aber eine Resonanz, eine harmonische Übereinstimmung, die wir alle spüren können.

Also, singen – oder tönen – wir gemeinsam, danach folgt eine kleine Stille, und dann spielen Tara Bouman und ich wieder intuitive Musik für Sie.

Ich danke Ihnen, dass Sie da sind !

Beitrag: mit freundlicher Genehmigung von Markus Stockhausen

VonHans-Peter Dibke

„Musik ist die Stimme der Seele“ – Ein Interview von Sven Rohde mit Markus Stockhausen

Gespräch mit dem Trompeter und Komponisten Markus Stockhausen über Selbstausdruck, die Arbeit mit seinem Vater Karlheinz Stockhausen und Spiritualität in der Musik

Wann hatten Sie das erste Mal nach einem Konzert oder einer Aufnahme das Gefühl: Diese Musik ist wirklich der Ausdruck meines Selbst?

Diese Momente gab es früh. Intensiv habe ich es empfunden, als ich 1982 mit Rainer Brüninghaus das Album „Continuum“ aufgenommen habe. Das war ein magischer Moment. Da ist hörbar etwas von meinem Wesen angekommen auf der Platte. Sie ist ein Meilenstein meiner Karriere, mit dem ich mich immer noch identifizieren kann. Diese Momente habe ich in anderen Konstellationen immer wieder gesucht und weitergeführt, auch mit meinem Bruder Simon, im Trio Lichtblick, bei Quadrivium, Electric Treasures, jetzt im Duo mit Florian Weber am Flügel. Da sind eine Freiheit im Klang und ein wunderbares Nehmen und Geben im Zusammenspiel.

Lässt sich beschreiben, was da passiert, oder kann man es nur hören?

Dafür ist Musik da, dass man sie hört. Aber vielleicht: dass ich in einen Strom von Energie komme, in dem sich das eigene innerste Wesen ganz ausdrücken darf und zu einer Erfüllung kommt. Ich bin dann vielleicht über ein oder zwei tote Punkte der Erschöpfung hinweg und gebe mich ganz hin. Dann verschmelze ich mit der Musik. Solche beglückenden und tiefen Erfahrungen habe ich auch in der Musik meines Vaters gehabt. Sonst hätte ich sie auch nicht immer wieder spielen können.

Welche Momente erinnern Sie?

Wir haben 1985 in Berlin mit dem Radiosymphonieorchester die Oper „Samstag aus Licht“ konzertant aufgeführt. Da spielte ich das Solo „Oberlippentanz“ mit der Piccolo-Trompete. Mein Vater stand neben mir und dirigierte, und dann gab es eine lange Kadenz und ich spielte, zuerst stehend, dann kniend, dann liegend. Dann stand ich langsam wieder auf und führte das Solo zu einem Höhepunkt, an dem das Orchester wieder einsetzte, mit einem ganz hohen Ton von mir – wenn das gelingt, dann ist das so erfüllend und man weiß: Das war gut! Da sind mein Vater und ich uns sehr schön begegnet. Ich wollte, dass er ganz schwierige Passagen für mich schreibt, sehr tiefe oder sehr hohe Töne, ich wollte diese Extreme, die ich selbst an Jazztrompetern bewunderte. Das war total schwer für mich! Aber ich wollte es so.

Ich habe von Ihnen das Zitat gefunden: „Sobald ich merke, das Musik sich wiederholt, wende ich mich innerlich ab. Ich will dem Jetzt Ausdruck verleihen. Man muss einer höheren Idee dienen, die gerade im Moment entsteht.“

Wenn ich merke, dass Dinge in Schemata ablaufen, dann langweilt mich das. Als ich ein Haydn-Konzert mit Orchester spielte, war der erste Impuls: Ich will es gut machen. Das dirigierte mein Vater, und ich bewies mir, dass ich das kann. Dann kam der Punkt, an dem es mich langweilte, weil ich merkte, das können doch hundert andere auch. Dieser ganze Ritus, die Orchesterproben, der Dirigent und „hallo, los geht’s“ und bloß keinen falschen Ton – das interessierte mich überhaupt nicht mehr. Deswegen habe ich damit aufgehört. Das ist für mich typisch. Ich mache Dinge im Ausschlussverfahren, ich erlebe sie und schließe sie dann für die Zukunft aus. Darin sehe ich einen Sinn des Lebens. Die gesamte Schöpfung ist uns geschenkt, damit wir uns selbst erkennen und formen. Wenn man sagt, Gott ist Liebe, ist das für mich Ausdruck seiner Liebe: dass wir in der Anschauung der ganzen Welt erwachen dürfen. Mit allem Leid, allen Schwierigkeiten – genau so muss das sein. Darin sehe ich tiefste Weisheit. Wenn wir nicht diese gewaltigen Probleme in ihrer ganzen Spannweite zu bewältigen hätten, dann wären wir flach und langweilig. Und so ist es für mich in der Musik. Wenn sie sich zu oft wiederholt, dann möchte ich weiter.

Ist das nicht ein gewaltiger Anspruch zu sagen: Es muss immer neu sein?

Es muss nicht neu sein, es muss lebendig sein. Und wenn es lebendig ist, ist es auch neu. Musik ein wunderbares Ausdrucksmittel, weil wir im Moment (Stockhausen schnippt laut mit den Fingern) Neues schöpfen können. Das ist in der Bildenden Kunst anders, langsamer, mühevoller. Diese Unmittelbarkeit der Musik ist es, die mich fasziniert. Es ist eine Gnade, Musik machen zu dürfen.

In einem Vortrag haben Sie das Phänomen beschrieben, dass Sie im Zusammenspiel mit anderen auf einmal Tonfolgen spielen, die Sie nie zuvor geübt haben. Was geschieht da?

Ich spüre, es packt mich. Ich komme in einen Strom und spiele etwas, das ich vorher nicht für möglich gehalten habe. Eine sehr beglückende Erfahrung. Wenn man sich mit Anthroposophie beschäftigt hat, dann weiß man, dass alles, das schon mal auf der Welt gemacht oder gedacht wurde, gespeichert ist: in der Akasha-Chronik. Das klingt für viele Menschen natürlich wie Spuk, aber auf Basis der Quantenphysik könnte das Phänomen erklärbar werden. Da komme ich als Trompeter auf einmal in einen Miles-Davis-Sog hinein. Als ich mit dem Pianisten Antoine Hervé in einem Pariser Jazzclub spielte, den Dämpfer aufsetzte, da kam ich in diesen Mood, den Miles so geliebt hat. Ich bin gleichsam auf energetischer Ebene angeschlossen an den kollektiven Erfahrungsschatz der Menschheit. Ich muss das gar nicht vorher gehört haben. Wenn ich mich einlasse, dann komme ich damit in Resonanz. Sie ist das Schlüsselwort.

Wie geht es Ihnen in den Seminaren „Singen und Stille“, die Sie anleiten? Da singen die Teilnehmer ganz basal, Grundton, Quinte, Oktave, viele haben Mühe mit der Intonation. Wenn man Ihre Vorgeschichte als Musiker kennt, fragt man sich: Worin liegt der Reiz für Sie?

Tatsächlich ist es mir nie langweilig geworden, obwohl ich das schon seit 2001 mache. Dieses schöpferische Element der Spiritualität, das ich in der Musik so liebe, überträgt sich in diesen Seminaren. Wie kann ich diese Gruppe anleiten, wie kann ich einzelnen helfen, über ihren Schatten zu springen, über das Singen sich selbst zu erkennen? Das ist immer wieder neu. Diese Frage „wer bin ich?“ steht im Zentrum der Seminare. Und das Singen und die Meditation im Wechsel öffnen den Weg zur selben Quelle, die ich als Musiker kenne, die aber jeder, wirklich jeder in sich finden kann. Wo ist das Momentum eines erfüllten Lebens zu finden? Nur in uns selbst. Und mit „Singen und Stille“ gibt es die wunderbare Möglichkeit, es unmittelbar zu spüren.

Im Kontrast zu den spektakulären Inszenierungen, an denen Sie Teil hatten, den Auftritten in den berühmtesten Kulturtempeln der Welt wirken Wohnzimmerkonzerte oder Seminare mit 30 Teilnehmern alles andere als standesgemäß. Warum machen Sie das?

Das Momentum wahrer Lebendigkeit kann auf der größten Bühne stattfinden – oder auch nicht. Ob vor 70 oder 2000 Menschen, ist unerheblich. Die Bewertung, ob etwas groß ist oder klein, habe ich komplett fallengelassen.

Sie leiten auch Klangmeditationen an. Wie inszenieren Sie das?

Einerseits spiele ich, andererseits leite ich das Publikum zum „Tönen“ an, zum Singen ohne Worte. Ich sitze zum Teil am Klavier und begleite mit Akkorden. Das ist eine neue Form, die mir in der Meditation ins Bewusstsein kam. Das mache ich als „Singphonie“ beim Bund Deutscher Yogalehrer, mit 500 Menschen. Oder auf einem Kongress mit 1000 Menschen. Viele Teilnehmer im Publikum sind sehr berührt. Das hat mich zunächst stutzig gemacht. Jetzt weiß ich: Es baut sich ein Energiefeld auf. Die Musik öffnet einen Raum in der Seele, den wir mit Worten nicht erreichen. Um es mit Hazrat Inayat Khan, dem Begründer des Sufi-Ordens, zu sagen: Musik ist die Stimme der Seele. Die Sehnsucht, die wir spüren, ist der Ausdruck der Seele, um zum Göttlichen in uns zu finden. Sie ist heilig. Und bei diesen Klangmeditationen wird sie für mich und viele andere Menschen spürbar. Auch deswegen fühle ich mich berufen, Menschen mit Musik zu inspirieren.

Interview: Sven Rohde auf svenrohde.com, Hamburg, 2/2017
Foto: Raimund Junghardt, Intuitive Music Orchestra, Bonn Bundeskunsthalle 2011
VonHans-Peter Dibke

„Mein Ansatz der Intuitiven Musik“ – von Markus Stockhausen

„Wir leben in einer neuen Zeit, und demnach versuchen wir auch eine Musik zu machen, die der heutigen Zeit, so wie wir sie erleben, entspricht. Es geht nicht mehr um ein höher, schneller weiter, um eine bestimmte Stilrichtung oder eine bestimmte Botschaft. Es geht um eine Authentizität, um eine wahrhaftige Klangäußerung, um eine Offenheit und Bereitschaft, eine Sensibilität, ein Musizieren mit ganz empfänglichen Antennen für Inspiration im Jetzt und eine umfassende  Wahrnehmung. Das verlangt ein fortwährendes Üben des Musikers. Er wird zum Künder von Freiheit.“ Markus Stockhausen

Mein Ansatz der Intuitiven Musik

Intuitive Musik ist für mich heute eine gültige neue Musikrichtung, neben Klassik, zeitgenössischer Musik, Jazz, Pop, Rock, World Musik, Folklore usw.

Der Begriff Intuitive Musik wurde ursprünglich 1968 von meinem Vater Karlheinz Stockhausen mit seinen zwei Textzyklen „Aus den Sieben Tagen“ und „Für Kommende Zeiten“ geprägt, die – manchmal poetische – Spielanweisungen für intuitiv improvisierende Musiker enthalten. Mit seiner damaligen Gruppe entstandenen viele Aufnahmen und Konzerte, stark geprägt durch seine persönliche Ästhetik der Neuen Musik.

In den ’80iger Jahren führte ich diese Stücke oft auf, insbesondere mit dem Ensemble für Intuitive Musik Weimar in der damaligen DDR. Gleichzeitig aber entwickelte ich meinen ganz eigenen Ansatz der Intuitiven Musik, der stilistisch weiter gefasst ist und meine Erfahrungen der harmonischen, melodischen und rhythmischen Improvisation mit einbezieht.

Mein Ideal

ist eine Musik jenseits aller Stilrichtungen, die sich dabei jedoch keiner verweigert. Nur so kann der Intuition wirklich freien Lauf gelassen werden und eine Musik entstehen, die allen Gegebenheiten Rechnung trägt und damit allen Musizierenden größtmögliche Ausdrucksfreiheit erlaubt:

  • die augenblickliche Inspiration,
  • der akustische und qualitative Raum,
  • die (Tages-) Zeit,
  • die Qualität und Gestimmtheit der Mitmusiker_innen,
  • die eigene Befindlichkeit,
  • das anwesende und rezipierende, innerlich beteiligte Publikum.

Vielleicht gehört Intuitive Musik auch deshalb zur forderndsten Disziplin der Musikausübung, weil sie dem Instrumentalisten die ganze Verantwortung seines musikalischen Tuns überträgt, ihm / oder ihr aber auch die größtmögliche Freiheit lässt. Die Musizierenden entscheiden selbst über das Tonmaterial, die Form, den Ausdruck, sowie die gesamte Gestaltung der Musik im Hier und Jetzt. Ihre schöpferischen Fähigkeiten werden stimuliert und entwickelt, die Phantasie stark angeregt.

Intuitive Musik ist die schöpferische Auseinandersetzung mit dem Eigenen und Fremden im Hier und Jetzt – eine fruchtbare Verständigungsform von höchster künstlerischer Qualität. Aus dem Spannungsfeld zwischen Überraschendem und Erwartbarem entstehen musikalische Gebilde, die im Augenblick stimmig und lebendig sind.

Mein Ziel

ist eine integrale Musik, die vor allem durch ihre Kraft und Schönheit unser seelisches Empfinden berühren kann, die unsere Phantasie beflügelt und uns und jene, die daran teilhaben, erhebt, und die sich absolut mit jeder anderen Musikrichtung messen kann.

Erforderlich dafür sind Erfahrung und Vorkenntnisse, die durchaus geübt werden können. Das Erlernen und Erkennen von Intervallen, Skalen, Harmonien und Rhythmen als Grundlage der Improvisation, die Schulung des Hörens, der Ästhetik und das Wissen um verschiedene Formabläufe usw., gehören alle zu den Grundkenntnissen, die ich vermitteln will. Denn ich will erreichen, dass diese Musik von fortgeschrittenen Musikern auf hohem Niveau ausgeübt wird, sodass intelligente und spannende Kommunikation unter den Musikern möglich wird.

Intuitive Music and More

„Losgelöst von inneren Vorstellungen, ohne den Auftrag einer vorgegebenen Komposition oder durch festgelegte Notation, entsteht die Möglichkeit einen musikalischen Prozess entstehen zu lassen, welcher sich aus dem Moment heraus ständig erneuert.“ Markus Stockhausen

Mein Ziel im Umgang mit Intuitiver Musik ist, kreative Musiker und Musikerinnen mit improvisierter und vor allem intuitiver Musik vertraut zu machen. Es geht hierbei um einen ganzheitlichen Ansatz, der keinen üblichen Normen bestimmter Stilistiken unterliegt. Diese geistigen und schöpferischen Impulse zu geben und anzuregen, erscheint gerade in unserer heutigen, globalisierten Welt von enormer Wichtigkeit zu sein und zu werden.

Kreativität, Phantasie, Spontanität und die Erarbeitung eines Prozesses bewusster Wahrnehmung und Ästhetik stehen im Vordergrund. Auch die empathischen bzw. sozialen Fähigkeiten des Musikers werden geschult. Musikalische Achtsamkeit ist ein wichtiger Aspekt.

Das eigene Instrument (die Stimme) sollte beherrscht werden. Die Grundlage dazu bilden verschiedene Techniken der Improvisation. Wichtig ist die Schulung des Gehörs, denn vom Hören hängt alles ab. Sequenzen der Stille führen zur besseren inneren Wahrnehmung und Intuition.

„Ein ruhiger, offener Geist, in Frieden sein mit sich und der Umgebung.
Aus der Stille Töne entstehen lassen. Horchen, lauschen, nach innen, und auf alles, was um mich ist. Töne im Einklang mit allem suchen, finden, spielen.
Im Jetzt. Die Sprache, derer ich mich bediene, ist sekundär. Am besten ist die Sprache offen, keinem bestimmten Stil zugeordnet.
ES hört, ES atmet, ES denkt, ES spielt. Ich bin Instrument.“ Markus Stockhausen

Beitrag:  Markus Stockhausen
Foto: Silvia Kleemann, Dortmund 2015

www.markusstockhausen.de
www.intuitive-music-and-more.com

Videos:

Markus Stockhausen WILD LIFE – official video (2018)

Markus Stockhausen & Jörg Brinkmann Jazz at Bran Castle (2016)

Markus Stockhausen – OUT OF THE BLUE – concert with Intuitive Music and More (2016)

BETWEEN EARTH AND SKY – Stockhausen, Mina, Carpentieri (2016)

Ritual – Moving Sounds – Markus Stockhausen and Tara Bouman (2015)

INSIDE OUT by Markus Stockhausen & Florian Weber (2014)

INSIDE OUT „Tenderness“ Markus Stockhausen, Florian Weber (2014)

Konzert „Intuitive Music and More“ in der Bundeskunsthalle mit M. Stockhausen, R. Zavelberg, u.a. (2012)

Markus Stockhausen Workshop: Intuitive Music and More in der Bundeskunsthalle Bonn (2011)

Atmen Sie mit mir… – Intuitive Musik mit Markus Stockhausen (ca. 2002)